MEGALUMANIA
Was auf den ersten Blick wie eine begehbare, farbintensive Architektur wirkt, ist in Wirklichkeit ein Modell von der Größe eines Bierkastens. Meine Arbeiten leben von genau diesem Moment der Verwirrung: Ist das ein Foto? Ein Rendering? Eine KI-Generierung? Wer sich Zeit nimmt und genau hinsieht, wird die Antwort finden – und mit ihr einen überraschenden Aha-Effekt.
Ich entwerfe die Räume zunächst am Computer, baue sie dann in wochenlanger Handarbeit aus Graupappe, Finnpappe und Karton – farbig, oft im harten Kontrast, ganz bewusst gegen die Zurückhaltung klassischer Architekturmodelle. Fertig inszeniert werden sie im Studio: mit bis zu sechs Studioblitzen, farbigen Hintergründen, stehenden und liegenden Spiegeln und Glasplatten, die den kleinen Raum optisch erweitern und verfremden. Fotografiert wird mit dem Weitwinkel dicht am oder sogar im Modell, mit Fokus-Stacking für maximale Tiefenschärfe – so wird aus der Mücke buchstäblich ein Elefant. Nachträglich verändert wird nichts an der Bildaussage; die Illusion entsteht vollständig analog, mit denkbar einfachen Mitteln.
Ich nenne dieses Genre "Expressionistische Architektur-Fotografie". Begonnen habe ich mit konkreten Gebäudeentwürfen in Anlehnung an Mid-Century-Modern, Bauhaus oder Brutalismus; beim Üben des Modellbaus entdeckte ich dann die freie, abstrakte Innenraumgestaltung für mich – ein Glücksgriff, weil sie mir völlige gestalterische Freiheit gibt.
Zu dieser Arbeit bin ich über Umwege gekommen. Geboren 1984 in Köln, habe ich nach ersten Jahren als Foto-Assistent an der Kunsthochschule für Medien (KHM) Audiovisuelle Medien studiert und mich danach in der High-End-Bildbearbeitung für Architekturfotografen, Architekten und Designbüros etabliert – ein Beruf, den ich bis heute gerne ausübe, der mich aber lange von der eigenen fotografischen Arbeit ferngehalten hat. Die Studiofotografie mit ihrer eigenen Lichtsetzung und dem Bau eigener Kulissen hat mich dabei immer am meisten fasziniert. Mit megalomania führe ich diese Fäden nun zusammen: Architekturinteresse, Bildbearbeitung und Studiofotografie werden zu einem eigenständigen Werk.
Die Zeit, in der auf Knopfdruck perfekte Bilderwelten entstehen können, beschäftigt mich – nicht als Gegner, eher als jemand, der sich fragt, welchen Raum das Selbstgemachte darin noch hat. Meine Antwort darauf ist denkbar analog: Ich baue Papier-Modelle. Weniger als Position gegen etwas, sondern als Freude daran, sich mit einfachsten Mitteln ganz eigene Räume zu erschließen – und als Einladung, genau hinzusehen, bevor man einem Bild glaubt.
Der Titel megalomania spielt mit dem Größenwahn als Bildthema: der bewussten Übertreibung von Maßstab und Wirkung durch Licht, Spiegel und Perspektive – und ein wenig auch mit der Anmaßung, als Architekt, Bühnenbildner und Fotograf in einer Person die eigene kleine Welt zu erschaffen.